Vergessene Wörter: “Chuzpe”

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poetry slam bamberg„Ham se ma ne Mark?“ „Tut mir Leid, aber ich habe gestern meinen Job verloren und meine Frau hat mich verlassen.“ „Wie, und ich soll dat jetzt ausbaden?“ Und schon ist den meisten der Hut vom Kopf geblasen, bei solch einer Reaktion. Diese kurze Redefolge, die sich zwischen einem Bettler am Straßenrand und einem Passanten abspielt, kann für rote Köpfe, enge Hälse und eine wahre Flut an bösen Worten sorgen.

Aber keine Sorge, das ist natürlich eine erfundene Unterhaltung, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass so etwas passiert sein könnte. Man kann nun den Bettler tadeln, man anklagend mit dem Finger auf ihn zeigen, ihn beschimpfen oder den gerade wieder eingefangen Hut aufsetzen und kurz ziehen. So es denn nicht zu einem Schmunzeln oder Lächeln ob solcher Dreistigkeit gereicht hat.

Eine Dreistigkeit oder Unverfrorenheit solchen Ausmaßes oder besser gesagt solcher Form, kennt man auch unter dem Begriff „Chuzpe“. Dieses, dem jiddischen entstammende Wort, bezeichnet eine Handlung oder eine Aussage, die einerseits wie ein Schlag ins Gesicht eines anderen ist, aber gleichzeitig auch Anerkennung hervorruft. “Chuzpe” ist übrigens auch dahingehend ein außergewöhnliches Wort, dass es mit einem “ach”-Laut anfängt. Das “Ch” wird also wie in “Krach” oder “Bach” ausgesprochen – ohne das “a” mitzusprechen selbstverständlich.

Ordentliche Anmaßung

Wo wir schon beim Schlag ins Gesicht sind, können wir unter Zuführung eines weiteren Wortes, nämlich „Anmaßung“, ein neues Szenario kreieren. Die oft machohafte Selbstverständlichkeit, mit der ein Charmeur mit dem Namen James Bond mit Frauen interagiert, schmückt sich nämlich selbst oft mit eine ordentlichen Portion „Chuzpe“. Der Mann versteht es, in gewissen Situationen mit dem Schritt über die Linie den Zaun einzureißen und sich hinwegzusetzen über Grenzen, wo normalerweise ein erhobener Zeigefinger und ein bestimmtes Zeigen der kalten Schulter stehen.

So weit zu einem harmloseren Wesen des Wortes. Zugespitzt beinhaltet „Chuzpe“ nämlich, dass sich der Akteur über soziale oder moralische Selbstverständlichkeiten hinwegsetzt – zum eigenen Vorteil. So wäre ein Sozialhilfeempfänger, der sich nur einsetzt, um einen Zustand ohne Arbeit aber mit finanzieller Unterstützung zu erhalten, aber gleichzeitig über Asylbewerber, die keine Arbeit finden als arbeitsscheue Sozialschmarotzer lästert, ein Paradebeispiel für eine ausufernde Frechheit.

Konventionen werden missachtet

Hier fällt dann auch die Form der Anerkennung, die man für ein grenzüberschreitendes Handeln manchmal noch haben kann, hinfort. Da wird es zu einem Kopfschütteln. Zwischen diesem extrem negativen Beispiel und dem vorangegangenen eher positiven schwebt aber der überwiegende Handlungsraum, in dem man vom „Chuzpe“ einer Person spricht. Grundsätzlich werden Konventionen oder soziale Gepflogenheit missachtet, um zu einem egoistisch diktierten Ziel zu gelangen. Häufig ist dies in Situationen der Fall, in den man eigentlich auf der Verliererseite steht, aber versucht, so viel wie möglich herauszuschlagen.

Was also bleibt unter dem Strich? „Chuzpe“ ist ein grau konnotiertes Wort, das nicht frei von negativer Bewertung sein kann. Gleichzeitig aber zeichnet sich eine Handlung oder Aussage, die derart bezeichnet werden kann, auch dadurch aus, dass sie Kopfschütteln, Staunen, Schmunzeln oder sogar ein Nicken der kurzweiligen Anerkennung hervorruft. Wer kennt nicht die Situation vor dem Fernseher oder Kinobildschirm, in der man mit Scheu dem Antihelden Tribut zollt? Wie ein Zweischneidiges Schwert kommen manche Dinge daher und auch wenn die Tendenz in diesem Sinne des Wortes hin zur dunklen Seite geht, so blitzt ihr Charme, ihre Keckheit ab und an mit einem verschmitzten Augenzwinkern hervor.

Und mit einem letzten Beispiel schließe ich dann diesen Teil der Kolumne der „Vergessenen deutschen Wörter“: Chuzpe ist die Geschichte von dem Mann, der Vater und Mutter erschlägt und dann den Richter um mildernde Umstände bittet, da er ja Vollwaise sei.